
by Kathrin Jeglejewski
Für viele Menschen klingt Hingabe nach Verlust. Nach Schwäche. Nach dem Auflösen der eigenen Grenzen.
Gerade für jene, die Verantwortung tragen, führen, entscheiden, halten, ist Hingabe oft ein Reizwort. Denn sie haben gelernt, dass Kontrolle Sicherheit schafft. Dass Klarheit aus Struktur entsteht. Dass Kraft aus Haltung kommt.
Und genau hier beginnt das Missverständnis.
Die Angst, die viele beim Wort Surrender spüren, ist keine spirituelle Angst. Es ist eine Identitätsangst.
Wenn ich loslasse, wer bin ich dann noch?
Wenn ich nicht mehr kontrolliere, was hält mich?
Wenn ich weich werde, verliere ich meine Wirksamkeit?
Diese Fragen sind ehrlich. Und sie verdienen eine klare Antwort.
Hingabe ist tatsächlich ein Fallenlassen ins Nichts. Aber nicht in ein leeres, kaltes Nichts. Es ist das Loslassen von Kontrolle in den Raum, der dich schon immer trägt.
Was hier stirbt, ist nicht dein Leben. Was stirbt, ist die Vorstellung, dass du es halten müsstest.
Das Nichts, vor dem sich die Identität fürchtet, ist in Wahrheit das Feld, aus dem alles entsteht. Bewusstsein. Leben. Intelligenz ohne Namen.
Was viele Loslassen nennen, ist in Wahrheit oft Vermeidung. Ein spirituelles Wegdrücken von Schmerz. Ein Überspringen von inneren Spannungen.
Aber echte Hingabe funktioniert anders.
Sie schließt nichts aus. Nicht den Zweifel. Nicht die Angst. Nicht den inneren Widerstand. Nicht den Mangel, der noch fühlbar ist.
Hingabe sagt nicht: „Das darf nicht da sein.“
Hingabe sagt: „Auch das darf mitkommen.“
Und genau hier beginnt die Kraft.
Leader, die Kontrolle gewohnt sind, verwechseln oft Stärke mit Spannung. Mit Zusammenhalten. Mit innerem Festhalten.
Doch Spannung ist keine Kraft. Sie ist ein temporärer Zustand des Nervensystems. Kraft entsteht, wenn dein System nicht mehr gegen sich arbeitet. Wenn du aufhörst, dich innerlich zu korrigieren. Wenn du nichts mehr beweisen musst. Wenn dein Nervensystem nicht mehr im Dauer-Alarm ist.
Hingabe bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Sie bedeutet, Verantwortung nicht mehr aus Angst zu tragen. Sie bedeutet, dich selbst zu halten, statt dich innerlich zu spalten.
Viele Menschen glauben, Hingabe sei ein Zustand, den man erreicht. Aber Hingabe ist kein Ziel.
Sie ist eine Praxis der radikalen Ehrlichkeit.
Du hörst auf, bestimmte Gefühle zu bekämpfen. Du hörst auf, innere Zustände zu bewerten. Du hörst auf, dich selbst in richtig und falsch einzuteilen. Und genau dadurch entsteht Raum.
Raum für Klarheit. Raum für echte Entscheidungen. Raum für Wirksamkeit ohne Druck.
Das Paradoxe ist: Je mehr du dich innerlich hältst, desto weniger musst du kontrollieren.
Es entsteht, wenn dein Körper erfährt, dass das Leben trägt. Auch ohne Anspannung. Auch ohne ständiges Eingreifen.
Deshalb fühlt sich Hingabe am Anfang oft instabil an. Nicht, weil sie dich schwächt. Sondern weil dein System gelernt hat, Spannung mit Sicherheit zu verwechseln.
Wenn diese Spannung jedoch nachlässt, entsteht etwas Neues - und gleichzeitig das, was dich seit Anbeginn trägt und deiner natürlichen Ursprungsfrequenz entspricht: Stille. Weite. Präsenz.
Und aus dieser Präsenz heraus wird dein Wirken klarer, nicht diffuser. Deine Grenzen werden ruhiger, nicht durchlässig. Deine Entscheidungen entstehen aus Wahrheit, nicht aus Reaktion.
Und genau deshalb ist sie der Beginn von echter Kraft. Nicht der Kraft, die antreibt. Sondern der Kraft, die trägt.
Wenn du spürst, dass Hingabe für dich kein Konzept mehr ist, sondern ein innerer Ruf, ist Devotion ein Raum, der dich genau darin hält. Nicht, um etwas zu verändern. Sondern um nichts mehr auszuschließen.
Du findest diese Audio-Activation hier, wenn dieser Ruf in dir lebendig ist.
Alles Liebe,
Kathrin